Leseprobe "Rafaels Erbe"

aus dem Kurzgeschichtenband "Flucht durch die Wälder"

„Er ist tot!“

Das waren die einzigen Worte, die Christopher über die Lippen kamen, nachdem er unsere Hütte betreten hatte.

„Wer ist tot?“ Ich blickte von meiner Tätigkeit, dem Anbringen der Rosshaarsehne am neuen Langbogen, auf.

Reglos stand mein Freund im Raum und starrte mich mit aufgerissenen Augen an. „Dein Vater!“

Stille.

Obwohl wir uns nie sonderlich nahe gestanden hatten, traf es mich.

Mich fröstelte. Ich wollte es nicht glauben und wunderte mich über meine Gefühle. Mein Vater, der Tyrann. Tot?

Ich hasste ihn. Nachdem er meine Mutter verstoßen hatte, flüchtete ich in einer Sommernacht von Burg Montain. Bald hetzten mich seine königlichen Jäger. Ich verwundete zwei von ihnen mit dem Pfeil. Das sollte ihm zeigen, dass es mir ernst war.

Warum stimmte mich die Nachricht nicht froh? Zumindest müsste ich Erleichterung verspüren.

„Rafael?“

Ich schreckte aus meinen Gedanken.

„Hast du mich verstanden?“

Nach scheinbar endlosen Augenblicken reagierte ich. „Erwartest du, dass ich vor Schmerz zusammenbreche?“

„Er hat dich zu seinem Erben bestimmt.“

„Was hat er?“ Mir blieb der Mund offen stehen.

„Ich war genauso überrascht, als ich es hörte.“

Ohne nachzudenken erklärte ich: „Ich werde das Erbe nicht annehmen!“

„Wie willst du das anstellen? Du kennst die Gesetze.“

Wenn der König einen Nachfolger bestimmte, musste dieser Beschluss vom „Rat der Weisen“, einer Gruppe von fünfzehn alten Männern, genehmigt werden. Ebenso konnte nur jener Rat solche Entscheidungen nachträglich aufheben. Ich erinnerte mich, dass mein Bruder Dastan bereits zu Lebzeiten gegen unseren Vater intrigiert hatte. Zudem war er ein Dummkopf in Strategie und Führung. Er würde Montain beizeiten in den Untergang stürzen. Es gab für den Rat keinen Grund, seinen Entschluss zu ändern.

„Inzwischen wird dich die Garde suchen.“

„Sie können mich nicht finden. Ich war sechzehn, als ich abgehauen bin. Das ist neun Jahre her. Wie sollten sie wissen, wo ich mich aufhalte?“

„Wenn du dich da nicht täuschst.“

 

Wenige Tage später spürten sie mich in meiner Hütte auf. Ohne Vorwarnung traten sie die Tür ein.

Ich versuchte, über das Hinterfenster zu entkommen.

„Halt! Stehen bleiben!“, rief einer.

Noch bevor ich dem Befehl Folge leisten konnte, hatte sich ein anderer an mir festgekrallt. Er riss mich zu Boden und warf seinen schweren Körper auf mich. „Wir suchen einen Burschen, Rafael Laroche sein Name. Kennst du ihn?“

„Nie gehört“, krächzte ich und bemühte mich, weiter zu atmen.

„Erzähl nicht! Er ist der Sohn des verstorbenen Königs.“

Ehe der Druck auf meinem Brustkorb unerträglich wurde, rollte sich der Soldat von mir herunter und ich wurde von zwei kräftigen Armen hochgezerrt.

Ich stand dem Mann gegenüber, der offenbar ihr Oberst war. Er musterte mich unverhohlen. Plötzlich verzog er den Mund zu einem schiefen Grinsen.

„Seht her, Männer. Ich glaube, er ist es selbst! Dem König wie aus dem Gesicht geschnitten!“

Entgeistert starrte ich zurück. „Glaubt ihr ernsthaft, ich würde in solch einer Behausung leben, wenn ich Beziehungen zum Königshaus hätte?“

„Gib es endlich zu. Du hast doch nichts zu verlieren, Junge!“

Verzweifelt suchte ich nach einem Ausweg, aber der Oberst kam mir zuvor. „Wenn du es wirklich nicht bist, sehen wir das gleich. Los, zieh dein Hemd aus!“

Entsetzt schrie ich: „Das werde ich nicht. Dies ist das falsche Haus. Verschwindet!“

Soweit der Auszug aus einer der vier Kurzgeschichten. Ihr wollt mehr? Hier geht es zu einer weiteren Leseprobe.

 

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