Leseprobe "Düstere Gassen"

aus dem Kurzgeschichtenband "Ein Hauch von Magie"

Finnlay lehnte am Stamm einer Eiche, verborgen in den Schatten der überhängenden Äste. Sein blondes lockiges Haar und die helle Haut seiner Wangen hatte er mit Ruß beschmiert, um in der Dunkelheit weniger aufzufallen. Sein Blick fixierte den gegenüberliegenden Hauseingang, die Stadtresidenz von Lord Wilburn. Seit Mitternacht verbarg er sich bereits hier. Der Earl war für seine Vergnügungen bekannt und kehrte stets erst in den frühen Morgenstunden nach Hause zurück. Er sollte Finnlays nächtlichen Beutezug abrunden.

Plötzlich fühlte er sich in seinem Versteck beobachtet. Kein Geräusch drang an sein Ohr, nicht einmal die tapsenden Füße der Ratten waren zu hören, die sich ganz Londons bemächtigt hatten. Es war zu still. Er hielt den Atem an und die kleinen Wölkchen, die bis dahin seinen Mund verlassen hatten, versiegten. Sein Blick huschte in die dunklen Winkel des verlassenen Platzes, spähte in angrenzende Straßen, doch das Licht der Gaslaternen reichte nicht weit. Er konnte nur erahnen, was sich in der Dunkelheit verbarg. Ein nebliger Dunst legte sich über die Straße, Schwaden schienen zwischen den Häusermauern festzuhängen, bevor sie vorüberzogen. Die Härchen auf seiner Haut stellten sich auf und ein Zittern durchlief seinen dünnen Körper. Der Knabe versuchte, das Aufflackern von Angst zu ignorieren. Mit dem Rücken drückte er sich dichter an die Rinde des Baumes und wartete.

Endlich vernahm er das Getrappel von Pferdehufen. Ein weinrotes Coupé ratterte um die Ecke, gezogen von zwei edlen Schimmeln. Das Gespann hielt und ein älterer Gentleman entstieg, einen Zylinder in der linken Hand und sich mit der Rechten am niedrigen Eisenzaun abstützend, welcher das Grundstück umgab. Der Mann wandte sich auf wackeligen Beinen der Kutsche zu. „Bis morgen, Paxton.“

„Benötigst du Hilfe auf dem Heimweg, Wilburn? Du verträgst nichts mehr, würde ich meinen.“ Ein leises Lachen drang aus der Kutsche, während der Earl das eiserne Tor aufdrückte und in seinen Vorgarten stolperte.

„Verschwinde und erspar mir dein Gelächter“, lallte er, während er in Richtung Eingangstür torkelte.

„Wir sehen uns, Wilburn.“ Ein Klopfen ertönte, woraufhin der Kutscher die Pferde antrieb.

Das Gefährt war noch nicht außer Sicht, da sprang Finnlay bereits aus seinem Versteck und sprintete in leicht gebückter Haltung über die Straße, derweil der Mann die Treppen zu seiner Veranda emporstieg.

Das Tor stand noch offen. Finnlay rannte hindurch und über den gepflegten Rasen, der neben dem Kiesweg angelegt war. Er stürzte die Stufen hinauf, gerade als der Earl den Arm hob, um den goldenen Löwenkopf zu betätigen, der als Türklopfer diente. Noch bevor dessen Finger den Klopfer umfingen, stürzte er sich auf den Mann, packte ihn um den Oberkörper und riss ihn mit seinem Schwung um. Wilburn keuchte auf, während beide gegen die Wand neben der Eingangstür krachten.

Sie landeten auf dem steinernen Boden. Finnlay rollte sich mit einer geübten Drehung von ihm herunter und hockte sich breitbeinig über den Mann, dessen Augen aus den Höhlen hervortraten. Wilburn japste nach Luft und es schien, als wolle er etwas sagen, verschlucke sich jedoch an den eigenen Worten. Seine Arme erholten sich vor seiner Stimme von dem Schreck und wedelten umher, um den Angreifer herunter zu stoßen und das Stilett zu ziehen, welches er mit sich führte. Finnlay holte aus und traf ihn mit geballter Faust an der linken Schläfe. Blut spritzte auf den Boden und der Geschlagene verdrehte die Augen, bis das Weiß darin zu sehen war.

Der Knabe durchsuchte mit flinken Bewegungen die Taschen des Bewusstlosen, nahm die goldene Taschenuhr an sich und fand eine Börse aus rehbraunem Wildleder, welche verdächtig nach Münzen klapperte und den Blick auf gebündelte Scheine freigab. Ein zufriedenes Lächeln untermalte das Glitzern seiner blaugrünen Augen. Jauchzend sprang Finnlay auf und ließ den Mann achtlos zurück, während er mit seiner Beute die Straße hinunter rannte.

Nach einer Weile bog er zum Haymarket ein und stürmte in Richtung Trafalgar Square. Er ignorierte die Blicke der wenigen Passanten, die zu dieser nächtlichen Stunde unterwegs waren. Der Knabe überquerte den großen Platz und genoss die kühle Brise, die über seine erhitzte Haut strich. Seine Schritte wurden gemächlicher, als er an dem Portikus eines hellen Gebäudes vorbeikam. Die Kirche St. Martin-in-the-Fields hatte ihm des Nachts schon oft Unterschlupf gewährt.

An einem Portal im geschützten Seitenbereich klopfte er viermal gegen das Holz. Die Tür schien sich von selbst zu öffnen, doch Finnlay wusste, wer sich dahinter verbarg. Nachdem er eingetreten und die Tür wieder verschlossen war, erschien vor ihm, wie aus dem Nichts, die Gestalt seines Freundes. Finnlay konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er mit der Geldbörse wedelte. „Wir haben es geschafft, Moruk. Diese Nacht hat uns Reichtümer beschert!“

Der Kobold schien nicht amüsiert, trottete jedoch hinter dem Knaben her, als dieser in die Krypta hinabstieg. Der Junge breitete die Scheine auf dem Steinboden aus und klimperte mit den Geldstücken in seinen schmutzigen Händen. Er warf die Münzen in die Luft und kramte die goldene Taschenuhr hervor, auf welcher das Wappen des Earls eingraviert war. Er staunte über die erbeuteten Schätze, sprang hoch und führte ein Tänzchen auf. Es dauerte eine Weile, bis er bemerkte, dass sein Freund nicht in die Begeisterung einstimmte.

Das Männlein trat in den durch Kerzenlicht beschienenen Kreis, welcher flackernde Schatten auf das Mauergewölbe warf. Moruk war klein, er reichte Finnlay gerade bis zur Hüfte. Er hatte ein rundes Gesicht mit einer Knubbelnase und lange spitze Ohren, welche halb so hoch waren wie sein großer Kopf. Im Gegensatz zum kurzen Körper und den klobigen Füßen standen die langen Arme. Wie von Zauberhand erschien zwischen seinen Fingern eine Ausgabe des „Daily Telegraph“, die er vor Finnlays Füße warf. „Du bist spät. Ich hätte mich beinahe auf die Suche nach dir begeben.“ Ärger sprach aus seinen Worten. „Sieh dir die Zeitung an!“

„Was ist los mit dir? Ein wenig mehr Begeisterung käme nicht schlecht.“ Der Knabe ignorierte das Blatt.

Er geht wieder um!“

So schnell hätte keine andere Bemerkung Finnlay den Freudentaumel aus den Gliedern jagen können. Ihm schien, als setzte sein Herz für einen Atemzug aus, um dann in einem schnelleren Rhythmus weiterzupumpen, als ob es den verlorenen Schlag aufholen müsste. „Woher weißt du das?“

„Ich pflege Kontakt zu meinen Artgenossen. Wir mögen unter der Erdoberfläche leben, in den Gängen, die diese alten Gemäuer miteinander verbinden, dennoch bekommen wir mehr mit von dem, was in dieser Stadt geschieht als deinesgleichen. Würdet ihr Menschen nicht mit verschlossenen Augen umherspazieren, hättet auch ihr die Vorzeichen erkannt!“ Er deutete auf die Zeitung. „Er hat erneut zugeschlagen. Diesmal sind es nicht die Geschöpfe aus der Gosse. Offenbar hat er seine Speisekarte um die wohlgenährten Körper aus Mayfair erweitert.“

Finnlay blickte zu dem kleinen Kerl, der ihn ernst aus seinen bernsteinfarbenen Augen ansah. „Seid ihr sicher?“

„Wir beobachten die Vorgänge bereits seit Wochen. Alles spricht dafür.“

 

 

Dies ist erst der Anfang. Der junge Finnlay stolpert in dieser Geschichte regelrecht vor die Füße dieses mysteriösen Unbekannten. Steht ihm bei, wenn er sich einer nicht ganz natürlichen Gefahr stellen muss!

Das Buch ist im Taschenbuchformat und als eBook erhältlich.

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