Leseprobe "Getäuscht"

Aus dem Kurzgeschichtenband "Flucht durch die Wälder"

Ihr Kopf hämmerte, als wolle er bersten. Die schlanken Glieder schmerzten, als wäre jeder Knochen gebrochen und die Augen brannten. Sie hätte bis in alle Ewigkeit liegen bleiben können, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. Ihre Lippen zitterten und ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle.

Pferde stampften auf, Holz ächzte und der Boden bebte, als etwas Dumpfes darauf krachte. Aufgeregte Männerstimmen, die Fetzen einer Unterhaltung, drangen an ihr Ohr.

Unter ihrer Wange spürte Constance das feuchte Laub. Es war ihr angenehmer als die Zweige, die sich seitlich in ihre Hüfte bohrten. Sie durfte die Augen nicht länger vor dem Geschehen um sich herum verschließen. Schwerfällig öffnete sie die Lider, zunächst nur einen Spaltbreit.

Der schwarze Landauer, an dessen Seite das Wappen des Earls prangte, war umgekippt und offenbarte den Dachaufbau. Constance konnte die Schemen von vier Männern erkennen, die sich mit herumliegenden Gepäckstücken abmühten.

Sie ließ ihren Blick umherschweifen und zog scharf die Luft ein. Elizabeth Brandon, die Tochter des Earls, mit der sie am Vortag von London aufgebrochen war, lag wenige Yards von der Kutsche entfernt auf der harten Erde. Die Haube war ihr vom Kopf gerutscht und eine Blutspur zog sich über das blasse Gesicht. „Lizzy.“ Constances Stimme war nicht mehr als ein Hauch. Wieso half ihr niemand?

„Ihr seid wach, das ist gut.“ Die junge Frau zuckte zusammen und versuchte, den Blick in die Richtung zu wenden, aus der die seidige Männerstimme erklungen war. Sofort rächte sich ihr Kopf mit einem Hämmern, als wäre eine Keule auf ihn hernieder gesaust. Sie wusste nicht, was sie mehr irritierte. Ihr körperlicher Zustand, der so gar nicht zu ihrer üblicherweise guten Verfassung passte oder der Fremde, der nun vor sie getreten war. Der Mann trug eng anliegende Hosen, die in schwarzen Lederstiefeln steckten. Von deren guter Verarbeitung konnte sie sich aus nächster Nähe überzeugen, denn das Schuhwerk befand sich nur einen Schritt vor ihren Augen. Langsam wanderte ihr Blick die hochgewachsene Gestalt empor, streifte den Mantel aus edler Wolle, der ebenso tiefschwarz war wie die restliche Kleidung. Gesicht und Haar des Fremden konnte Constance nicht erkennen, denn sein Kopf war mit einem dunklen Tuch vermummt. Hatte sie bislang an einen Unfall geglaubt, erkannte sie nun, dass die Kutsche überfallen worden war. Ihr Herz pochte schneller.

Wie sie scheinbar ausgeliefert zu seinen Füßen lag, regte ihren Widerspruchsgeist. Sie versuchte, sich aufzurappeln. Die Schmerzen in ihrem Leib bewirkten, dass es bei dem Versuch blieb.

Der Mann hielt ihr hilfsbereit seine behandschuhte Linke entgegen, während die andere Hand auf dem Heft seines Degens ruhte, welcher in der Scheide an seinem Gurt steckte. Normalerweise ignorierte Constance seinesgleichen, aber momentan war seine helfende Hand ihrer Situation vorzuziehen, die sie genötigt hätte, weiter auf dem Boden zu liegen. Kräftig zog er sie hoch. Der Unbekannte zeigte keine Anstalten, ihre Finger loszulassen, die in Spitzenhandschuhen steckten. Der ehemals reinweiße Stoff hatte eine grau-braune Färbung angenommen.

Die junge Frau befreite sich aus seinem Griff, indem sie ruckartig ihre Hand zurückzog. Ihr Atem ging heftig. Erbost blickte sie in die blauen Augen ihres Gegenübers und hielt irritiert inne. Mochte er auch ein Halunke sein, seine Augen glichen denen eines Engels. ‚Eines gefallenen Engels’, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Peter Montgomery, zu Diensten.“ Er verbeugte sich galant.

Selbst die Stimme klang viel zu angenehm, um einem Räuber zu gehören, stellte Constance fest.

Montgomery, der nichts von ihren Gedanken zu erraten schien, fügte neckend hinzu: „Vorerst werdet Ihr mit meiner Gesellschaft vorlieb nehmen müssen, Verehrteste.“

„Was habt Ihr vor?“ Sie ahnte die Antwort. Trotzdem war es erschütternd, die Vermutung von ihm bestätigt zu bekommen. „Ihr werdet im Austausch gegen Lösegeld Eurem Vater übergeben, Lady Brandon.“ Die letzten zwei Wörtchen rüttelten sie auf, wie es nichts anderes geschafft hätte.

Er glaubte, sie – Constance Livering – wäre Lady Elizabeth Brandon, die Tochter des Earl of Lincoln. Er hatte keine Ahnung, dass sie lediglich eine Nichte des Earls war. Constance würde sich hüten, ihn auf seinen Irrtum hinzuweisen. Das könnte ihr Todesurteil bedeuten.

Er ließ sie stehen und wandte sich seinen Leuten zu, die noch immer das Gepäck durchwühlten. Die Straße von London nach Weymouth war viel befahren. Es würde nicht lange dauern, bis Reisende vorbeikämen. „Männer, wir verschwinden!“ Er betrachtete die Kutsche. „Ein Jammer, dass sich das Gefährt in dem Schlamm nicht aufrichten lässt. Es hätte ordentlich Gold eingebracht.“

„Zumindest hätten wir alles problemlos transportieren können“, maulte einer seiner Kumpane.

Montgomery nickte zustimmend. „Packt die Wertsachen zusammen! Nicolas, nimm nur die edleren Stoffe, für den restlichen Krempel haben wir keinen Platz. Rory, du hilfst ihm. Lucas, durchsuche die Leichen, wir wollen keinen Klunker zurücklassen.“

„Nein!“, schrie Constance, jäh aus ihrer Trance erwacht. „Sie ist nicht tot!“

Obwohl ihr die Beine den Dienst nur widerwillig leisteten, schaffte sie es, einige Schritte zu Elizabeth zu laufen. Plötzlich packte sie eine Hand um den Oberarm und hielt sie zurück. „Das wollt Ihr nicht sehen, glaubt mir. Sie sind beide tot.“

Erst jetzt bemerkte sie den Kutscher, welcher wenige Schritte von der Frau entfernt lag. Betrübt blickte sie auf die Stelle und spürte Magensaft emporsteigen. Rasch schlug sie die Hand vor den Mund, um den Würgereiz zu unterbinden. Sie folgte Montgomery widerwillig zu den Pferden, nicht ohne einen letzten Blick auf die Kutsche und die beiden toten Menschen zu werfen, die zurückgelassen wurden.

Constance konnte sich ein Schluchzen nicht verkneifen. „Sie darf nicht tot sein!“

Montgomery, der die geflüsterten Worte verstanden hatte, schüttelte bedauernd den Kopf und zog sie in Richtung der Pferde. „Es tut mir Leid um Eure Begleiter.“

Die Frau konnte den Blick nicht von ihm abwenden, während sie ihm folgte. „Das kann ich nicht glauben!“

„Das dürft Ihr durchaus. Sicher hätten sie das Lösegeld erhöht.“

Constance runzelte die Stirn. Wie tief musste ein Mensch sinken, um das Leben eines anderen mit Münzen abzuwägen?

Aus der Ferne vernahm sie Hufgetrappel. Das Knarren von Holzrädern war nicht zu hören. Demnach musste ein Reiter nahen. Constance schätzte ihre Chancen ab, um Hilfe zu rufen. Derweil sprangen die Männer mit ihren Habseligkeiten auf die Pferde.

„Verschwindet von hier! Eilt euch, Männer!“, trieb ihr Anführer sie an.

Es war zu spät für Constance. Montgomery, der hinter ihr im Sattel saß, gab dem Pferd einen kräftigen Schenkeldruck und sie sprengten davon.

 

Die Unterkunft, die für die nächsten Tage ihr Zuhause werden sollte, war ein einfaches Holzhaus, bestehend aus drei Zimmern. Der kleinste Raum wurde Constances Quartier, bis ihr vermeintlicher Vater, der Earl of Lincoln, die Lösegeldzahlung veranlassen würde.

„Ihr seid wohl noch nicht lange im Geschäft?“, fragte sie spitz.

Montgomery blickte sie aus zusammengekniffenen Augen an. „Wieso fragt Ihr?“

„Die Ausstattung dieser Hütte lässt vermuten, dass Eure Unternehmungen bislang nicht gerade von Erfolg gekrönt waren. Die Einrichtung ist nicht nur alt, sondern obendrein heruntergekommen. Das lässt den Schluss zu, dass Ihr entweder Euer Handwerk nicht beherrscht“, sie spürte, wie er sich neben ihr versteifte, „oder Ihr erst am Anfang Eurer Laufbahn steht.“

Constance blickte sich angewidert um. Die löchrige Decke auf der Pritsche sah aus, als wäre sie Lagerstatt für Ungeziefer aller Art. Der Holzschemel wäre nach der stundenlangen Kutschfahrt und dem anschließenden wackeligen Ritt auf dem Pferd nicht ihre erste Wahl für eine bequeme Sitzgelegenheit gewesen, allerdings nahm sie in Anbetracht der fehlenden Alternativen auf ihm Platz. Wenigstens das Tischchen daneben schien sauber zu sein. „Gibt es hier Ratten?“, fragte sie, während sie sämtliche Details des kleinen Raumes registrierte.

Ihr Entführer, welcher sich nach wie vor über ihre Unterstellung zu ärgern schien, antwortete leicht konsterniert. „Wir sind mitten im Wald, Lady Brandon. Wo sollten hier Ratten herkommen?“

„Ihr braucht nicht gleich herablassend zu werden“, wies ihn Constance zurecht. „Eventuell gibt es ja im Wald Ratten.“

Montgomery seufzte resigniert.

„Was schüttelt Ihr da den Kopf?“ Constance fand die Manieren dieses Mannes unerträglich. „Bedauert Ihr bereits, mich entführt zu haben? Lasst Euch gesagt sein, ich lege ebenso wenig Wert auf Eure Gesellschaft.“

„Nein“, unterbrach er ihre Tirade. „Mir bereitet eine andere Überlegung Kopfzerbrechen. Ich frage mich gerade, ob Euer Vater Lösegeld zahlen wird?“

„Geld haben wir genug“, warf Constance ein, aus Angst, er könnte seine Pläne zu ihren Ungunsten ändern.

„Ich zweifle weniger an seiner Kreditwürdigkeit. Vielmehr fürchte ich, er könnte erfreut sein über die Aussicht, Euch für eine Weile los zu sein.“

Constance hätte ihn gerne gegen das Schienbein getreten ob dieser Frechheit. „Auch wenn Ihr Euch bisweilen galant verhaltet, Euer Gebaren verrät Eure wahre Herkunft.“ Dass sie diese nicht weit der Heimstatt der Ratten vermutete, musste sie nicht aussprechen. Er verstand sie ohne Worte, das entnahm sie seinem frostigen Blick.

„Nun benehmt Euch nicht so garstig. Mich seid Ihr sowieso gleich los. Jemand muss schließlich Euren Vater über Eure Notlage unterrichten.“

Diese Aussage wurde von einem grimmigen Lächeln begleitet. Obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, da er es hinter einem Tuch verhüllt hatte, hörte sie deutlich den hämischen Unterton heraus.

„Die Vorbereitungen für die Übergabe werden einige Tage in Anspruch nehmen. Ich rate Euch, seid artig und bleibt in Eurem Zimmer. Meine Männer sind nicht zimperlich.“ Mit dieser Warnung wandte er sich zur Tür. Die Hand auf dem Griff, nahm er sie abermals ins Visier. „Ich lasse Euch jetzt allein, Lady Brandon ... Euch und die kleinen Nager.“

Constance quiekte schrill und sprang auf den Schemel. Gleich darauf ärgerte sie sich über ihre Reaktion, als sie ihn vor dem Zimmer lachen hörte. „Na wartet!“

Ende der Leseprobe ...

Burg im Abendrot

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