Gillian Holden: Vom Duke begehrt

Coverpräsentation "Vom Duke begehrt" von Gillian Holden
(c) Coverdesign by Melody Simmons from eBookindiecovers

Inhalt:

 

England, 1845

Vivian Hawthorne genießt ihre erste Saison in London, da verschwindet ihre Freundin Nathalie spurlos. Entgegen der Ratschläge ihrer Schwester und des Schwagers begibt sich Vivian auf die Suche nach Nathalie und gerät bald in Schwierigkeiten. Zu ihrem Glück ist Sir Nicholas zur Stelle und bietet seine Hilfe an. Doch ist er tatsächlich der freundliche, zuvorkommende Adelsspross, der er vorgibt zu sein?
Und welche Pläne verfolgt Lord Raphael, Duke of Fareham? Er ist einer der begehrtesten Junggesellen der Stadt und scheint ein ganz eigenes Interesse an der rothaarigen Schönheit zu hegen.

(c) Coverdesign by Melody Simmons from eBookindiecovers
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2017 wurde die historische Liebesromanze "Vom Duke begehrt" veröffentlicht.

 

 

eBook "Vom Duke begehrt"

Preis: 4,99 Euro

 

 

Taschenbuch "Vom Duke begehrt"

Preis: 9,95 Euro

Seitenzahl: 312 Seiten

ISBN: 978-3746035048

 

 

Leseprobe Gillian Holden "Vom Duke begehrt"

Kapitel 1

 

London, Frühling 1845

 

Vivian schlenderte am Ufer des Serpentine entlang und warf Brotkrumen ins Wasser. Bald folgten ihr mehrere Vögel. Einige waren so zutraulich, dass sie sich ihr näherten und sogar an Land watschelten.

Ihre ältere Schwester Rosalie hatte ihr Brot längst verfüttert und war ein Stück zurückgefallen. Vivian indes warf weitere Krumen ins Wasser. Soeben lachte sie über zwei Erpel, die sich um ein Teigbällchen zankten. Ihre Schnäbel klackerten wild gegeneinander.

»Solch einen Futterneid sollte ich nicht unterstützen!«, rief sie und lachte fröhlich, erbarmte sich jedoch kurz darauf ihrer. »Na schön, kommt her! Ich habe noch etwas für euch.«

Verzückt beobachtete sie das Schauspiel, als die beiden Tiere auf das Futter losgingen, obwohl sie sich bemühte, es gerecht aufzuteilen.

Sie blickte sich nach Rosalie um, die mehrere Schritte entfernt stand, und bemerkte erst jetzt, dass sie mit ihrer Schwester nicht mehr allein war. Rosalie unterhielt sich mit einem Gentleman.

Der Herr überragte Rosalie um einen Kopf und damit auch sie, denn sie hatte in etwa die gleiche Größe und Statur wie ihre Schwester. Er war groß gewachsen und schlank. Die Arme zeichneten sich muskulös unter dem schwarzen Gehrock ab und bei ihrem Blick den Körper hinab konnte sie nur erahnen, was sich noch unter der eleganten Kleidung verbarg. Allein bei der Vorstellung blieb ihr fast der Atem weg.

Rosalie bemerkte, dass sie zu ihnen hinüber schaute, und winkte sie aufmunternd herbei. Zögernden Schrittes näherte sich Vivian den beiden.

Der Mann musterte sie ungeniert, und als sich ihre Blicke begegneten, schienen sich seine Pupillen in ihre zu brennen. Unerhört! Sie hoffte, nicht alle Londoner Gentlemen legten solch ungehobelte Manieren an den Tag. Sonst wollte sie die gar nicht näher kennenlernen.

Vivian senkte die Lider und spürte sogleich, wie ihre Wangen unter seiner Aufmerksamkeit erglühten.

»Darf ich fragen, wer diese bezaubernde Dame ist?«

Seine Stimme war tief und volltönend und versprach eine starke Persönlichkeit.

»Sehr gern, Euer Gnaden«, antwortete Rosalie und zog Vivian, die zwei Schritte entfernt stehen geblieben war, näher herbei. »Das ist meine Schwester Vivian Hawthorne. Vivian«, nun wies Rosalie zum Herzog. »Darf ich vorstellen? Lord Raphael, Duke of Fareham.«

Ein Herzog! Vivians Herz hämmerte wild. Widerwillig gestand sie sich ein, dass der Mann Ausstrahlung besaß. Er deutete eine Verbeugung an, ohne hierbei den Blick abzuwenden.

»Es ist mir ein Vergnügen, Miss Hawthorne.«

Seine Lippen waren voll und sinnlich und Vivian spürte ungewohnte Erregung in sich aufsteigen bei der Vorstellung, diese zu berühren. Seine Augen erstrahlten in demselben Blaugrau wie der Himmel über ihnen und wurden von – für einen Mann – ungewöhnlich langen, dunklen Wimpern eingerahmt. Lächelnd nickte sie ihm zu, brachte jedoch keinen Ton heraus. Sie fürchtete, ihr könnte die Stimme versagen, sollte sie versuchen zu sprechen. So, wie der Mann auftrat, musste er sich seiner Wirkung auf Frauen sehr wohl bewusst sein. Vivian blickte unsicher zu Rosalie, die ihr aufmunternd zunickte. Sie schluckte schwer, doch auch das half ihr nicht, ihren Herzschlag zu beruhigen und eine passende Entgegnung zu finden.

»Es hat sich wahrlich gelohnt, so früh aufzustehen«, setzte der Herzog das Gespräch fort. »Wir sind uns bislang nicht begegnet, Miss Hawthorne. Sind Sie zum ersten Mal in der Stadt?«

»Jawohl, Euer Gnaden.« Das war doch schon mal ein Anfang, dachte Vivian erleichtert. Zugegeben, es klang nicht sonderlich gesprächig, war aber ihrer Meinung nach durchaus in Ordnung für jemanden, dessen Kopf sich im Moment anfühlte wie ein Gefäß, in dem jemand Pudding anrührte. Der Herzog war die Ursache dafür, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ihr Blick wanderte von ihm zu ihrer Schwester und weiter zu der Kutsche, die ein Stück entfernt parkte. Auf einmal wünschte sie sich, sie säße darin und könnte die Vorhänge schließen, um dieser ungewohnten Situation zu entfliehen.

Lord Raphael folgte ihrem Blick, und als habe er ihre Gedanken erraten, stahl sich ein zaghaftes Lächeln auf seine Lippen. Unter seinem Blick überkam Vivian eine Hitzewallung, die in ihr den Wunsch auslöste, umgehend den Umhang abzustreifen. Dabei war es recht kühl an diesem Aprilmorgen.

Gott, steh mir bei. Wenn der Mann allein mit seinen Blicken solche Turbulenzen in mir auszulösen vermag, wie soll es erst werden, sobald er Worte und Taten folgen lässt?

Aber soweit würde es nicht kommen, beruhigte sie sich. Vermutlich würde sie ihn nie wieder sehen. London war eine große Stadt. Hier gab es genügend Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Diese Vorstellung fand sie wiederum bedauerlich, denn der Herzog hatte etwas an sich, das ihr Innerstes berührte.

Er war attraktiv, ohne Zweifel. Seine Gesichtszüge wirkten durch die kantige Form besonders maskulin und sein braunes Haar wellte sich bis auf die Schultern und bildete einen würdigen Rahmen. Obwohl sie es nicht beabsichtigt hatte, blieb ihr Blick erneut auf seinen Lippen ruhen.

»Wie ich eben erwähnen wollte«, ergriff Lady Rosalie das Wort, »sind wir erst gestern Abend in der Stadt eingetroffen. Meine Schwester gibt in dieser Saison ihr Debüt. Mein Gatte konnte sie letztlich überzeugen, nicht noch ein Jahr zu warten.«

Diese Aussage holte Vivian aus ihrer Starre zurück. Sie wand sich innerlich, denn Lord Willoughby hatte sie ganz und gar nicht überzeugt. Er hatte ihr einfach keine Wahl gelassen.

»Wie recht er hatte«, sagte daraufhin der Herzog und musterte sie belustigt. Offenbar konnte er ihre Gedanken an ihrem Mienenspiel erraten.

Was allerdings an Debütantinnen amüsant war, die gegen ihren Willen verheiratet wurden, erschloss sich Vivian nicht – zumal sie in diesem Jahr eine von ihnen war. Gewiss gab es ausreichend junge Frauen, die sich über die Aussicht freuten, eine Ehe einzugehen. Genügte es den Herren der Schöpfung nicht, eine von ihnen zu erwählen? Ihretwegen hätte die Männerwelt sie gern noch ein paar Jahre länger auf dem Land vergessen können.

»Wenn dem so ist, werden wir uns demnächst öfter sehen. Sicherlich freuen Sie sich bereits auf die zahlreichen Amüsements, die die Stadt jeden Abend bereithält. Darf ich fragen, ob Sie zum Ball der Duchess of Sheffield am Freitagabend erscheinen werden?«

Wieder war es Rosalie, die die Unterhaltung in Gang hielt. »Selbstverständlich! So ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis würden wir nur ungern versäumen.«

»Nun habe ich auch einen Grund gefunden, dort vorbeizuschauen. Lady Willoughby, Miss Hawthorne.« Er verbeugte sich formvollendet. Dann entfernte er sich zügigen Schrittes durch den Park, als hätte er einen wichtigen Termin wahrzunehmen.

Der Herzog strahlte aus jeder Pore Eleganz und Würde aus, als hätte er sie mit der Muttermilch verabreicht bekommen – was vermutlich gar nicht so abwegig war.

Schweigend blickten sie ihm hinterher. Nach einer Weile bemerkte Rosalie: »Den hast du beeindruckt.«

»Womit?«, fragte Vivian kleinlaut. »Ich habe mich verhalten wie ein stummes Reh und wäre am liebsten ebenso davongeprescht, wenn mich nicht das letzte Fünkchen Stolz davon abgehalten hätte. Jedenfalls habe ich kaum etwas gesagt.« Vivian rügte sich für ihre Einsilbigkeit.

Kaum begegnete ihr ein attraktiver Mann, brachte sie den Mund nicht auf. Das war schon immer so gewesen. Da konnte sie ihr Schwager nach London schleppen und die größtmöglichen Anstrengungen unternehmen, sie zu verheiraten. Mit ihrem Verhalten würde sie keine Verehrer beeindrucken, davon war sie überzeugt. Von einer jungen Dame wurde erwartet, dass sie sich auszudrücken verstand. Wäre der Duke of Fareham unattraktiv gewesen und dreißig Jahre älter, hätte sie nicht solche Probleme gehabt, sich mit ihm zu unterhalten. Das passierte ihr für gewöhnlich nur bei Menschen, die ihr Innerstes berührten. Sie wollte gar nicht wissen, welchen Eindruck der Herzog von ihr gewonnen hatte.

»Vielleicht war es gerade das?«, überlegte Rosalie laut. »Der Duke of Fareham zählt seit Jahren zu den begehrtesten Junggesellen. Im Gegensatz zu vielen anderen hat sich seine Familie meist vom Glücksspiel ferngehalten, weswegen sich ihr Vermögen immer noch auf eine stattliche Summe beläuft. Nicht zuletzt ist er kein alter Tattergreis, der sich zum wiederholten Male verheiraten möchte. Seine Zukünftige wird zugleich die Mutter des nächsten Duke of Fareham werden. Entsprechend werfen sich ihm jedes Jahr genügend Frauen an den Hals in der Erwartung, er könnte sich für eine von ihnen erwärmen.«

Rosalie betrachtete sie wohlwollend. »Du siehst also, deine Reaktion war nicht vergleichbar mit dem, was er sonst geboten bekommt.« Dann hielt sie inne, als dächte sie über etwas nach. Und kurz darauf ließ sie Vivian an ihren Überlegungen teilhaben. »Selbst Marcus wird nichts gegen ihn einzuwenden haben. Er bietet alles, was man von einem zukünftigen Mann nur erwarten kann.«

»Rosalie!«, rief Vivian verstimmt. »Wir haben uns weniger als fünf Minuten unterhalten!«

Als ihre Schwester fragend eine Augenbraue hob, korrigierte Vivian sich. »Nun gut, du hast dich mit ihm unterhalten. Wie kannst du darauf schließen, dass er Interesse an mir haben könnte?« Sie glaubte nicht einmal selbst daran, und das wiederum fand sie wirklich schade.

»Allein die Art, wie er dich angesehen hat ... Glaube mir, mit Männern kenne ich mich inzwischen ganz gut aus. Außerdem hat er angedeutet, dass er dich auf dem Ball wiedersehen möchte. Du musst ihm unbedingt einen Tanz reservieren!«

»Also gehen wir tatsächlich dorthin?«

»Wie kannst du daran zweifeln?«

»Ich dachte, da Lord Willoughby erst am Wochenende erwartet wird ...« Vivian hatte angenommen, dass sie bis zur Ankunft ihres Schwagers von derartigen Gesellschaften verschont würde. Zwar hatte sie eine gute Schule besucht und wusste, sich entsprechend zu benehmen, wenn es darauf ankam. Dennoch fühlte sie sich nicht wohl auf großen Veranstaltungen. Sie kannte doch niemanden in der Stadt!

»Hör zu, Vivian. Es gibt zwar eine Menge Möglichkeiten, sich den Aufenthalt in der Stadt zu verschönern, und gewiss eine Vielzahl an Tanzveranstaltungen, die man unmöglich alle besuchen kann. Aber wenn der Duke of Sheffield zum Ball lädt, dann geht man auch hin! Er ist einer der einflussreichsten Männer überhaupt! Wer von ihm keine Einladung erhält, kann die Saison gleich für gescheitert erklären.«

»Oh.« Das hatte sie nicht gewusst.

»Und«, fragte Rosalie neugierig, »was hältst du von ihm?«

Vivian wusste sofort, von wem die Rede war, und antwortete: »Er ist charmant.«

Die Nonchalance, mit der sie es sagte, ließ Rosalie auffahren. »Du weißt schon, dass Marcus dir nur diese eine Saison gewähren wird? Da wir so spät eintreffen, haben sich viele Ehen bereits angebahnt. Die Auswahl an heiratsfähigen Männern schrumpft jeden Tag. Solltest du bis zum Ende der Saison keinen Mann gefunden haben, Vivian, entscheidet Marcus, wem er dich zur Frau gibt. Es gibt gewiss schlimmere Ehemänner als den Duke of Fareham. Also halte ihn dir warm!«

»Meine Güte, Rosalie! Wir gehen hier nicht zum Coiffeur und sind uns uneins über den Schnitt. Du redest hier über den Mann, mit dem ich den Rest meines noch hoffentlich langen Lebens zusammen sein werde. So eine Entscheidung kann ich nicht innerhalb weniger Wochen treffen, erst recht nicht innerhalb weniger Minuten. Nur weil dein lieber Marcus es sich in den Kopf gesetzt hat, mich unbedingt dieses Jahr zu verheiraten, aus welchen Gründen auch immer, werde ich nicht den erstbesten dahergelaufenen Mann nehmen. Ich benötige Zeit! Wenn wir nun bitte das Thema wechseln könnten? Ich dachte, der Tag sollte für uns beide angenehm werden?«

»Eben. Und deshalb fahren wir nun zu Madame Stottair, damit sie von dir Maß nehmen kann. Sie ist eine der besten Schneiderinnen der Stadt. Ihr Laden befindet sich in der Bond Street. Du wirst sehen, ihre Entwürfe können mit den aktuellen Modetrends aus Frankreich mithalten. Wenn wir Glück haben, finden wir im Anschluss noch ein paar passende Strümpfe und Schuhe. Und auch ein Besuch beim Hutmacher sowie im Schmuckwarenladen steht auf unserem Plan. Für deine Ausstattung ist Marcus nichts zu teuer.«

Verstimmt schwieg Vivian, folgte aber gehorsam ihrer Schwester durch den Park. Nach einer Weile, in der sich unangenehmes Schweigen ausgebreitet hatte, ergriff Rosalie das Wort. »Ich verstehe dich durchaus, Vivian. Glaube nicht, nur weil ich auf ein Ziel hinarbeite, würde ich deine Interessen aus den Augen verlieren. Ich möchte nur, dass du glücklich bist.«

»Ich bin glücklich, du dummes Gänschen«, schalt Vivian ihre Schwester und damit verflog der letzte Rest ihrer Anspannung. Nach einem spielerisch angedeuteten Klaps auf Rosalie umarmten sich beide Frauen herzlich. Dann schlenderten sie zur Kutsche.

Sie hatten sich während des Spaziergangs weiter von dem Gefährt und dem wartenden Kutscher entfernt, als es Vivian vorgekommen war. In dem Moment war sie froh, noch etwas Weg vor sich zu haben und so die Ruhe im Park genießen zu können, bevor der Einkaufsbummel begann. Doch egal, womit sie ihre Gedanken beschäftigte, sie kehrten immer wieder zurück zu dem attraktiven Duke, seinen vollen Lippen und den sie versengenden Augen.

 

 

Kapitel 2

 
Aufgrund der morgendlichen Kälte zog sich Vivian ihren Umhang fester um die Schultern und blickte erwartungsvoll aus dem Fenster der Kutsche. Zunehmend füllten sich die Straßen mit Passanten und Fuhrwerken.

»Ich freue mich so für dich. Endlich wirst auch du die schönste Zeit im Leben einer jungen Dame erfahren. Ich hoffe sehr, dir bleiben die kommenden Wochen in genauso guter Erinnerung wie mir meine Saison vor zwei Jahren. Gern denke ich daran zurück.«

»Was mich auch erwarten mag, ich werde mich gut amüsieren, schätze ich.«

»Das kann gar nicht anders sein«, sagte Rosalie. »Allein wegen deines Aussehens werden sich die Herren darum prügeln, an deine Tanzkarte zu gelangen.«

Vivian lachte herzlich auf. »Soweit wollen wir es nicht kommen lassen.«

Doch Rosalie war noch nicht fertig. »Und diejenigen, die ihre Anträge bereits vorgetragen haben, werden sich über alle Maße ärgern, so voreilig gewesen zu sein. Denn erst jetzt betritt die wahre Blüte der Saison das Parkett.«

»Jetzt übertreib nicht, Rosalie!«, schalt Vivian ihre Schwester liebevoll.

»Wir wissen beide, wie hübsch du bist, Liebes, und das werden auch deine Verehrer bald erkennen.«

»Ich denke, ich kann mich glücklich schätzen, wenn wenigstens einer dabei ist, dem auch ich ähnlich angenehme Gefühle und Gedanken entgegenbringe.«

»Ach was, du wirst die freie Auswahl haben.«

Vivian betrachtete ihre Schwester mit erhobener Braue. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. »Das klang aber vorhin noch anders. Hast nicht du mich darauf hingewiesen, dass die halbe Saison bereits vorüber sei? Lass mich überlegen ... Die besten Partien wurden bereits geschlossen? ... Deine Worte!«

»Ich habe meine Meinung revidiert«, lenkte Rosalie ein. »Mir ist nämlich etwas eingefallen. Der Mann, der etwas auf sich hält, lässt sich nicht auf das Erstbeste ein. Er besieht sich zunächst das gesamte Buffet, bevor er entscheidet, was auf seinem Teller landet.«

»Rosalie!«, ermahnte Vivian lachend ihre Schwester. »Wo hast du nur solche Reden her?«

»Ach«, sagte sie und lächelte in sich hinein. »Diese Worte sagte einst Marcus zu mir und überzeugte mich dadurch, dass er der Richtige ist.«

Solchen Wortwitz hätte Vivian ihrem Schwager nicht zugetraut.

»Du siehst«, fuhr Rosalie fort, »dass wir erst jetzt in London auftauchen, hat nicht nur Nachteile, sondern ist zugleich ein Segen. Inzwischen hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Das erleichtert es dir, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren.«

Vivian war nicht wirklich überzeugt, ließ ihre Schwester jedoch in ihrem Glauben.

»Selbst ich hatte damals mehrere Verehrer«, sagte Rosalie nun. »Dabei bin ich längst nicht so hübsch anzuschauen wie du.«

Rosalie hatte ihr schon oft zu verstehen gegeben, wie sehr sie Vivians Schönheit bewunderte. Doch auch wenn die Natur sie nicht mit demselben Aussehen gesegnet hatte, so war ihre Schwester nicht hässlich.

Während Vivian über eine kleine, gerade Nase verfügte, so war die von Rosalie ungleich größer. Vivian wusste um die schlaflosen Nächte, die sie deswegen hinter sich hatte und in denen sie sich das unschöne Teil weggewünscht hatte. Rosalies Lippen boten die gleiche Fülle wie ihre, doch da ihre Gesichtszüge nicht so grazil ausgeprägt waren, ergab sich ein anderes Gesamtbild. Zudem waren Rosalies Augen von einem helleren Blau. Vivian gefielen sie, denn der Himmel spiegelte sich darin. Dennoch riefen ihre eigenen meerblauen Augen mit den grünen Sprenkeln, die von langen Wimpern umrahmt wurden, deutlich öfter bewundernde Blicke der Mitmenschen hervor.

Obwohl Rosalie ohne Neid war, mochte Vivian es nicht hören, wie sie Vergleiche ob ihrer Schönheit anstellte. Darum unterbrach sie ihre Schwester.

»Nathalie hat mir übrigens geschrieben. Auch sie hält sich derzeit mit ihrer Mutter in London auf. Der Brief erreichte mich kurz vor unserer Abreise aus Kent. Vielleicht kann ich sie in den nächsten Tagen besuchen? Oder wir laden sie zu uns ein?«

»Nathalie?« Ihre Schwester klang wenig begeistert. »Ist das nicht das Mädchen, mit dem du vor vier Jahren ertappt wurdest, als ihr euch beim Maitanz unter die Dorfjugend mischtet?«

»Das ist sie«, erinnerte sich Vivian lachend. »War das ein Spaß!«

»Denk lieber an den Hausarrest, den ihr dafür erhalten habt«, ermahnte sie Rosalie ernst.

»Ach was, Madame Bilfox verstand uns eben nicht.«

»Auch Vater war damals alles andere als erfreut, als er davon erfuhr«, unterbrach Rosalie sie. »Solche Peinlichkeiten dürfen dir hier in London nicht passieren, Vivian. Schneller als du denkst, wäre dein Ruf ruiniert. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die damalige Idee von Nathalie stammte. Am besten, du hältst dich von ihr fern.«

»Oh weh, Rose. Du hörst dich beinahe an wie Marcus.«

»Vermutlich liegt das daran, dass mein Mann es genauso sehen würde, sollte ich mich je dazu durchringen, ihm von diesem Vorfall zu erzählen.«

»Was du aber nicht tun wirst, nicht wahr?«

Ihre Schwester seufzte, doch als sie ihr ein Lächeln schenkte, entspannte sich die Stimmung in der Kutsche. Marcus ermahnte Vivian schon oft genug für Dinge, die ihres Erachtens keiner Worte bedurften. Da brauchte er nicht noch über ihre Jugendsünden informiert werden.

»Darf ich Nathalie besuchen? Bitte, Rose. Wenigstens einmal.« Vivian würde ihre Freundin in dieser großen Stadt nie finden. Sie wäre auf Rosalies Unterstützung angewiesen.

Die atmete schwer durch, als würde man von ihr größeren Einsatz erwarten, als sie zu geben in der Lage war. Schließlich jedoch nickte sie und konnte sich der stürmischen Umarmung nur schwer erwehren, die Vivian ihr schenkte.

»Nun ist aber gut. Du ruinierst mir noch die Frisur.« Ihr freundlicher Blick verriet Vivian, dass ihre Schwester nicht wirklich böse war. Die Kutsche wurde langsamer und Rosalie blickte aus dem Fenster. »Wir sind da.«

»Dann auf in die Schlacht«, seufzte Vivian, als sie ihrer Schwester in den Laden folgte. Regale voll mit Stoffballen erwarteten sie in unzähligen Farben und Qualitäten. Garne, Spitzen und Bänder bedeckten einen ausladenden Tisch und besonders exquisite Muster lagen zur Ansicht in einer Glasvitrine aus. Madame Stottair, eine untersetzte Dame mittleren Alters, begrüßte Rosalie wie eine alte Bekannte und fragte fröhlich, womit sie dienen könne.

Bei der Auswahl an Möglichkeiten, die sich allein beim ersten Anblick des Raumes boten, dachte Vivian erschöpft, war es für sie eine größere Herausforderung, für sich das passende Schnittmuster und den geeignetsten Stoff zu wählen, als für die britische Krone zu entscheiden, welche Kolonie sie als Nächstes erobern sollte.

 
***


Vivian leerte ihren Teller mit Rebhuhn und Kartoffeln, tupfte sich den Mund mit der Serviette ab und seufzte zufrieden. »Köstlich! Wenn die Köchin weiterhin so exquisite Speisen auftischt, sollten wir der Schneiderin vorsorglich eine Nachricht senden, meine Kleider etwas weiter zu nähen.« Lachend griff sie zum Wasserglas und leerte es wenig damenhaft in einem Zug.

Sie hatten heute über Stunden aus den erlesenen Stoffen, die ihnen Madame Stottair präsentiert hatte, eine neue Garderobe für Vivian zusammengestellt. Neben mehreren Musselin- und Seidenkleidern für den täglichen Bedarf hatte ihr Rosalie ein apricotfarbenes Abendkleid empfohlen. Es besaß einen gewagten Ausschnitt, gefiel Vivian dennoch durch die zahlreichen Goldstickereien.

Außerdem entschieden sie sich für zwei Ballkleider, eines in Lindgrün und eines in Rosa, das gut mit Vivians Haarfarbe harmonierte. Sie erstanden ein hellblaues Seidenkleid mit kurzen Puffärmeln und Verzierungen aus weißer Spitze, das sie sofort mitnehmen konnten, denn es war eine nicht abgeholte Bestellung und passte Vivian wie angegossen, obwohl es ursprünglich für eine andere Dame gefertigt worden war.

Für das Reitkleid empfahl Madame Stottair einen kräftigen Stoff in einem kaffeebraunen Farbton. Durch die schwarzen Stickmuster wirkte er schlicht und elegant zugleich. Hierfür erstanden sie ein paar Geschäfte weiter passende braune Reitstiefel. Aber wie die Mehrheit der Einkäufe mussten auch diese zunächst angefertigt werden und es würde einige Tage dauern, bis sie geliefert wurden.

Bis zum späten Nachmittag hatten sie acht Läden einen Besuch abgestattet und in den meisten davon auch etwas erworben. So hatten zwei neue Hüte und schöne weiße Tanzschuhe bei Vivian ein neues Zuhause gefunden. Bei zahlreichen weiteren Geschäften hatten sie zumindest die Auslagen betrachtet, während sie gemächlich die Einkaufsstraße entlang flaniert waren. Nur einen kurzen Aufenthalt in einem Teehaus gönnten sie sich und entsprechend geschafft waren sie am frühen Abend, als sie im Willoughby Stadthaus eintrafen.

Die ersten Bestellungen würden bereits in zwei Tagen geliefert werden und Vivian freute sich darauf wie ein Kind auf Geburtstagsgeschenke. Jetzt, in diesem Moment, als sie vor ihrem leer geputzten Teller saß und sich über den leicht gerundeten Bauch strich, sah man ihr diese Empfindungen deutlich an.

»Du strahlst von innen heraus«, sprach Rosalie zu ihr. »Ich bin glücklich, dass wir dir mit dem heutigen Tag so eine Freude bereiten konnten.«

Vivian bedankte sich zum gefühlt hundertsten Mal. Sie freute sich über ihre neue Garderobe und darüber, dass sie London sehen und erleben durfte. Ihr missfiel lediglich, dass ihr Vormund sämtliche Rechnungen begleichen würde. Wie Rosalie hatte sie einen Teil des beträchtlichen Vermögens nach dem Tod ihrer Eltern geerbt. Trotz ihrer einundzwanzig Jahre durfte sie jedoch nicht darüber verfügen, da sie nicht verheiratet war.

Rosalie drückte ihr gerade ein Gläschen Sherry in die Hand, als es an der Eingangstür klopfte. Bald darauf betrat Baines mit einem silbernen Tablett den Salon. »Diese Nachricht wurde soeben für Sie abgegeben, Miss Hawthorne.«

Vivian blickte erstaunt auf und musterte den Umschlag, konnte aber den Absender nicht erkennen, da kein Siegel angebracht war. »Wer hat es übermittelt, Baines?«, fragte sie.

Der Butler stockte kurz, bevor er antwortete. »Jemand hat es vor die Tür gelegt, Miss. Als ich hinaussah, entdeckte ich einen Jungen, der die Straße hinunterrannte. Wenn es Ihnen nicht behagt, diesen Brief zu empfangen, kann ich ihn entsorgen, Miss Hawthorne.«

»Nein, nein«, beeilte sich Vivian zu sagen, auch wenn ihr Stirnrunzeln die Skepsis verriet, die sie überkam. »Das geht schon in Ordnung. Vielen Dank, Baines.«

Der Butler verbeugte sich und entfernte sich aus dem Speisezimmer. Noch ehe seine Schritte verklungen waren, stand Rosalie neben ihr und reichte ihr einen silbernen Brieföffner.

»Ach, Rose«, lächelte Vivian und die merkwürdige Stimmung, die sich mit dem Eintreffen der Post ausgebreitet hatte, verschwand genauso plötzlich, wie sie gekommen war. »Du weißt genau, was ich brauche. Du bist ein richtiger Schatz.«

»Nicht ganz uneigennützig, wie ich gestehen muss«, gestand sie und setzte sich neben ihre Schwester. »Ich möchte doch ebenso gern wissen, was darin steht. Von wem kommt er? Hast du einen heimlichen Verehrer?«

Rosalies gespannte Vorfreude wollte nicht ganz zu Vivians Erwartungen an die Nachricht passen. Ein Verehrer, der um diese späte Stunde eine Nachricht auf solch heimliche Weise überreichte und dann nicht einmal Blumen beifügte, erschien ihr unwahrscheinlich. Außerdem war sie noch niemandem vorgestellt worden, außer dem Duke. Und er hätte es sich gewiss nicht nehmen lassen, sein Siegel aufzudrücken.

Sorgsam zog sie den Brieföffner durch die Lasche des Umschlags und öffnete ihn.

»Nun?«

»Jetzt drängele nicht«, ermahnte Vivian ihre Schwester schmunzelnd. Es war eine der seltenen Gelegenheiten, in denen sie mehr Geduld aufzubringen schien als Rosalie.

»Der kommt von Nathalie!«, rief sie euphorisch, als sie die Schrift erkannte. Gleich darauf wurde sie jedoch still und antwortete nicht auf die drängenden Fragen ihrer Schwester. Vivian las die wenigen Zeilen wieder und wieder, doch mit jedem Mal verstärkte sich das flaue Gefühl, das sich ihrer ermächtigte. Die wortkarge, hingekritzelte Nachricht entsprach nicht dem, was sie von ihrer Freundin zu hören erhofft hatte.

Ende der Leseprobe ...

 

 

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